Amalia Mercader

Ihr größter Wunsch, die Überreste ihres 1976 verschwundenen Sohnes Carlos Rodríguez Mercader zu finden und zu begraben, wurde ihr nicht erfüllt. In den letzten Jahren konnte die kämpferische Frau nur noch im Rollstuhl an den Demonstrationen der Angehörigen Verschwundener teilnehmen, immer mit dem Bild ihres Sohnes. Am 24. Dezember 2016 ist sie gestorben.
Amalia Mercader war ein politischer Mensch, langjähriges Mitglied der Sozialistischen Partei Uruguays. Bereits während des sogenannten „Pachecato“ (Amtszeit des Präsidenten Jorge Pacheco, der als Vizepräsident nach dem plötzlichen Tod des Präsidenten Óscar Gestido von 1967 bis 1972 die Amtsgeschäfte führte) wurde sie verhaftet. 1974, unter der Diktatur, wurde sie von ihrem Posten als Lehrerin und Direktorin der Gewerbeschule in Santa Lucia, an der auch ihr Sohn arbeitete, entbunden. Sie kam erneut ins Gefängnis.
Ihre Schwiegertochter Yvonne Trias war bereits 1972 verhaftet worden und kam erst 1985, mit dem Ende der Diktatur frei. Carlos, seine Schwägerin Cecilia Trias und ihr Freund Washington Cram waren vor der Verfolgung in Uruguay nach Argentinien geflüchtet. Schon vor dem Militärputsch in Argentinien 1976 gab es unter dem Namen „Operation Condor“ eine Zusammenarbeit der Geheimdienste von sechs lateinamerikanischen Diktaturen – Argentinien, Chile, Paraguay, Uruguay, Bolivien und Brasilien – bei der Verfolgung und Tötung von sogenannten Staatsfeinden. Mindestens 200 Personen fielen der Zusammenarbeit der Diktaturen zum Opfer. So auch Cecilia, Washington und Carlos. Bis heute fehlt jede Spur von ihnen. Cecilia und Washington wurden am 28. September 1976 zum letzten Mal gesehen und Carlos am 1. Oktober 1976.

Bei der Ausstellungseröffnung zur Ausstellung „Esperandote“ (Ich warte auf Dich), erzählt sie von der letzten Begegnung mit ihrem Sohn. Sie war nach Argentinien gefahren um ihn zu sehen. Er rief sie vorher an und sagte „Mama, wie beim letzten Mal, sprich mit niemandem darüber, die Situation ist noch schlechter. Aber komm. Ich warte. Ich warte auf Dich. Wir treffen uns. Zeig keinerlei Regung, bleib ganz ruhig. Wenn sie mich beobachten, begrüße ich Dich nicht.“ Er sah mich, überquerte die Straße und gab mir einen Kuss, den ich nie vergessen werde. „Fahr zurück, pass bitte auf Dich auf und auf Zolinda [die Schwester]. Hör auf politisch aktiv zu sein.“ Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Amalia hat weiter unterrichtet, sich um ihre Tochter und schließlich ihren Enkel gekümmert. Die Suche nach ihrem Sohn hat sie nie aufgegeben. Sie konnte sich nicht mit den kümmerlichen Untersuchungen und Ergebnissen von Befragungen und Prozessen zufrieden geben. Sie konnte keinen Schlussstrich ziehen. Damit hat sie viele Menschen sehr berührt, unter ihnen auch Albrecht Girle, der Amalia bei vielen Demonstrationen begleitete und fotografierte. 2016 wurde ihr in der Casa Bertolt Brecht eine Ausstellung mit dem Titel „Esperándote“ gewidmet. Diese Ausstellung wird demnächst im Museo de la Memoria gezeigt.


© Fotos Albrecht Girle
Bei der Eröffnung der Ausstellung „Esperandote“ in der Casa Bertolt Brecht.
Rechts Amalia Mercader, neben ihr vorn, Albrecht Girle.