Uruguay 1973-1985

Am 27. Juni 1973 putschte das Militär in Uruguay. Der Anlass für den Putsch war ein letzter Akt des Widerstands der Parlamentarier – sie weigerten sich die Immunität eines Abgeordneten aufzuheben. Daraufhin ließ der  Nationale Sicherheitsrat das Parlament umstellen, löste beide Kammern auf und übernahm nun offiziell die Regierung. Die Bevölkerung reagierte mit einem Generalstreik, den sie zwei Wochen lang aufrechthalten konnte.

© Albrecht Girle

Verschwundene

 

Carlos Alfredo Rodríguez Mercader 1950-1976

Amalia Mercader gab die Suche nach ihrem Sohn Carlos nie auf und nahm bis zum Schluss an jeder Demonstration teil, immer mit einem Bild ihres Sohnes. Im Dezember 2016 ist die Lehrerin und Direktorin gestorben, von Carlos Rodríguez Mercader fehlt nach wie vor jede Spur. In Uruguay hatte er als Lehrer für Mechanik an der Industrieschule in Santa Lucía gearbeitet und war schon als Student politisch aktiv gewesen. Nach der Verhaftung seiner Frau floh er nach Buenos Aires. Dort wurde er am 1. Oktober 1976 entführt und gilt als eines der Opfer der Operation Condor. Seine Mutter, Mitglied der Sozialistischen Partei Uruguays, wurde als Lehrerin unter der Diktatur 1974 entlassen und erst 1986 wieder eingestellt.

465 Menschen wurden während der Diktatur ermordet

www.laprensa.com.uy | Zelmar Micheliny y Héctor Gutiérrez Ruiz

Von der Diktatur ermordet

 

Héctor Gutiérrez Ruiz und Zelmar Michelini

Am frühen Morgen des 18. Mais 1976 drang ein bewaffnetes Kommando in das Hotelzimmer von Zelmar Michelini in Buenos Aires ein. Seit 1973 war der uruguayische Senator  im Exil in Argentinien. Zur gleichen Zeit wurde auch der ehemalige Parlamentspräsident Héctor Gutiérrez Ruiz entführt. An der Aktion in Argentinien waren auch uruguayische Militärangehörige beteiligt, es war ein Teil der sogenannten Operation Condor.  Am 21. Mai 1976 wurden die beiden uruguayischen Politiker erschossen in einem Fahrzeug in Buenos Aires aufgefunden.

Die geraubten Kinder der Diktatur

https://www.abuelas.org.ar/caso/gelman-garcia-iruretagoyena-macarena-283

Geraubte Kinder

 

Einer der aufsehenerregendsten Fälle in den letzten Jahren war der Fall Gelman. Der argentinische Schriftsteller Juan Gelman verlor während der Diktatur seinen Sohn und seine Schwiegertochter, Maria Claudia García, die in ein Gefängnis nach Uruguay verschleppt wurde und dort noch ihre Tochter auf die Welt brachte. Von Maria Claudia García fehlt bis heute jede Spur, ihre Tochter wurde von einem Militärangehörigen adoptiert. Erst durch die Suche ihrer Großeltern erfuhr sie von der wahren Identität ihrer Eltern. Sie lebt heute als Menschrechtsaktivistin und Abgeordnete der Frente Amplio in Montevideo.

380.000 Menschen, etwa 14 % der Bevölkerung, gingen ins Exil

http://centroculturalpareja.com/creadores-locales/creadores-locales-que-participaron-en-ccmap/

Exil

 

Für viele war das Exil die einzige Möglichkeit sich einer drohenden (erneuten) Verhaftung zu entziehen. Auch Hugo Licandro, Mitglied der Frente Amplio, entschied sich nach seiner zweiten Verhaftung zur Flucht. Eine Nichte seiner Frau lebte in Venezuela. Nach zwei Jahren folgt ihm seine Frau Isobel Rubbo mit dem Sohn Pablo.  In Venezuela arbeitete er schließlich als Dozent für Geschichte an der Universität, seine Frau als Literaturdozentin. 1980 erhielt Hugo Licandro einen Ruf nach Nicaragua, worauf die Familie nach Nicaragua ging. Im Dezember 1984 kehrte Pablo zurück nach Uruguay, die Eltern folgten im März 1985.

Mehr als 40.000 Menschen wurden aus politischen Gründen verhaftet

http://colectivoepprosario.blogspot.com/2016/03/uruguay-vivan-los-companeros.html

Politische Gefangene

 

Uberfil Martínez Falero war von 1974 bis 1979 im Gefängnis. Er arbeitete in der Reifenfabrik  FUNSA  und war aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Uruguays. Später engagierte er sich bei Crysol. Er starb 2016 mit 63 Jahren.

Die Diktatur in Uruguay

 

Zum Zeitpunkt des Militärputsches waren sowohl die Bewegung der MLN-Tupamaros (Movimiento de Liberación Nacional Tupamaros), der Stadtguerilla, als auch die Gewerkschaftsbewegung, die Schüler und Studenten und andere Gruppierungen bürgerlichen Widerstands, kaltgestellt.

 

Der Beginn der wirtschaftlichen Krise fiel in die Zeit nach dem Ende des Korea-Krieges und dem Verfall der Preise für Agrarprodukte auf dem Weltmarkt. Uruguay, das zu 80% vom Export seiner Agrarprodukte (Fleisch, Leder, Wolle) lebte und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Sozialstaat aufgebaut hatte, erlebte eine tiefgreifende ökonomische Krise mit einer ständig wachsenden Staatsverschuldung und damit einhergehender Inflation. Die politischen Reaktionen waren hilflos, es gab keine Reformen, die Besitzstrukturen wurden nicht angetastet.

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Die außenpolitische Situation verschärfte die Lage zusätzlich. Die erfolgreiche kubanische Revolution verstärkte die Angst der US-Amerikaner vor der Ausbreitung des Kommunismus in Lateinamerika und führte zur Unterstützung reaktionärer Regime in Lateinamerika durch die USA.

Als Beginn der sozialen Proteste gilt der Streik der Zuckerrohrarbeiter in Artigas. Die Landarbeiter und ihre Familien lebten unter sehr schlechten Bedingungen. Zudem wurden sie um ihren Lohn betrogen. Raúl Sendic, ein Mitglied der sozialistischen Partei Uruguays unterstützte die Streikenden. In ihrer Not liefen sie 1962 zu Fuß nach Montevideo, um vor dem Parlament die Enteignung eines brachliegenden landwirtschaftlichen Gutes zu erreichen, das sie als Kooperative bewirtschaften wollten. Sie waren mit ihrem Anliegen nicht erfolgreich, hatten jedoch das Thema „soziale Gerechtigkeit“ für Landarbeiter auf die Agenda gesetzt.

 

Die Aufbruchsstimmung durch die Revolution in Kuba und den Unabhängigkeitskrieg in Algerien beflügelte Teile der linken Bewegung und es kam zur Gründung der MLN Tupamaros. Diese faszinierten die Bevölkerung mit ihren Aktionen, die gerade in der Anfangszeit sehr kreativ waren.

Das politische Klima war angespannt. Bereits eine Woche nach seinem Amtsantritt verfügte Jorge Pacheco, der nach dem Tod des Präsidenten Óscar Gestido vom Vizepräsidenten zum Präsidenten avancierte, per Dekret die Auflösung verschiedener linker Gruppen und schränkte die Pressefreiheit ein. Schüler- und Studentenproteste gegen eine Fahrpreiserhöhung waren Anlass für Notstandsgesetze. Bereits am 6. Juni 1968 hatte die Polizei das Feuer auf die Demonstrierenden eröffnet. Fünf Demonstranten wurden schwer verletzt. Am 9. August 1968 wurde gegen die Autonomie der Universität verstoßen. Bei weiteren Protesten der Studierenden kam es am 12. August 1968 erneut zum gewalttätigen Eingreifen der Polizei, es wurde scharf geschossen, der Student Liber Acre wurde schwer verletzt und erlag am 14. August 1968 seinen Verletzungen. Am 20. September 1968 starben Susana Pintos und Hugo de los Santos ebenfalls während einer Demonstration der Studenten. Krankenwagen wurden nicht zu den Verletzten durchgelassen. In der alten Kaserne, in der das Centro General de Instrucción de Oficiales de Reserva (CGIOR) untergebracht war, wurde bereits 1968 gefoltert. Die Regierungszeit des Präsidenten Jorge Pacheco ging als „Pachecato“ in die Geschichte ein.

Gewerkschaftsmitglieder, Mitglieder linker Parteien und Studentenorganisationen wurden verfolgt und auch verhaftet. In diesem Klima änderten sich auch die Aktionen der Tupamaros, der Staat schlug mit aller Gewalt zu und 1972 war die Organisation der Tupamaros zerschlagen. Die Mitglieder der Tupamaros waren entweder im Gefängnis, tot oder im Exil. Einige Tupamaros, wie der spätere uruguayische Präsident José Mujica, wurden als Geiseln des Staates unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten.

Und dann putschte am 27. Juni 1973 das Militär. 15 Tage Generalstreik. Verhaftungen, Exil.

 

1980 wollte die Militärregierung mit einem Referendum die Zustimmung der Bevölkerung zu einer Verfassungsänderung erreichen und damit die Diktatur legitimieren. Am 30. November 1980 stimmten 57% der Uruguayer mit Nein. Das war im Prinzip das Ende der Diktatur. Verhandlungen über den Übergang zu einem demokratischen Uruguay dauerten schließlich mehrere Jahre. Der Pacto del Club Naval vom August 1984 machte den Weg frei zu verfassungsgemäßen Wahlen im November 1984. Der Amtsantritt von Julio Sanguinetti am 1. März 1985 besiegelte formal das Ende der Diktatur.

 

Der Übergang zur Demokratie gelang gut, allerdings war der Preis die Verhinderung der strafrechtlichen Aufarbeitung. Auf Druck der Militärs wurde am 22. Dezember 1986 das Ley de Caducidad de la Pretensión Punitiva del Estado (Gesetz des Ablaufs der Strafforderung des Staates) verabschiedet, das eine Strafverfolgung verhinderte. Seitdem gibt es in Uruguay eine Debatte über den Umgang mit der Vergangenheit. Die Positionen gehen von Schlussstrich bis zur Aufarbeitung. Da von mindestens 192 Menschen immer noch jede Spur fehlt, ist die Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur immer noch ein gesellschaftspolitisches Thema in Uruguay.